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Kabbala Bibliothek Startseite / Rabash / Artikel / 1990/32 Was bedeutet „Israel erfüllt den Willen des Schöpfers“ in der spirituellen Arbeit?

1990/32 Was bedeutet „Israel erfüllt den Willen des Schöpfers“ in der spirituellen Arbeit?

Unsere Weisen sagten im Midrasch Rabba (Naso 11,7): „Ein Vers sagt: ‚Der Ewige wende dir Sein Gesicht zu.‘ Und ein anderer Vers sagt: ‚der das Gesicht nicht zuwendet.‘ Wie können diese beiden Verse zugleich bestehen? Wenn Israel den Willen des Schöpfers erfüllt, wendet ihm der Ewige Sein Gesicht zu. Und wenn sie den Willen des Schöpfers nicht erfüllen, wendet Er das Gesicht nicht zu.“

Dieser Ausspruch ist schwer zu verstehen:

1. Wenn sie den Willen des Schöpfers erfüllen, wozu brauchen sie dann die Zuwendung des Gesichts? Sie handeln doch bereits richtig – was müssten sie noch tun?

2. Der Vers sagt (5. Mose 10): „der das Gesicht nicht zuwendet und keine Bestechung annimmt“. Doch wenn sie den Willen des Schöpfers erfüllen, gibt es keine größere Bestechung als diese. So ist es auch unter Menschen: Wer will, dass der Richter im Prozess auf seiner Seite steht, erfüllt den Willen des Richters – und zum Dank stellt sich der Richter im Prozess auf seine Seite und spricht ihn frei. Wie ist es dann zu erklären, dass der Schöpfer ihnen sehr wohl das Gesicht zuwendet, wenn sie Seinen Willen erfüllen? Das legt doch nahe, dass Er sich gewissermaßen bestechen lässt.

Um diese beiden Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst Folgendes klären:

1. Was ist „das Gesicht des Schöpfers“ und was ist „Er wendet das Gesicht nicht zu“?

2. Was bedeutet „den Willen des Schöpfers erfüllen“ und was bedeutet, den Willen des Schöpfers nicht erfüllen?

3. Unsere Weisen sagten: Der Schöpfer sprach: „Ich habe den bösen Trieb (Jezer haRa) erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Wir müssen verstehen, was mit dem bösen Trieb und dem Gewürz gemeint ist.

4. Unsere Weisen sagten auch: „Ich habe mich gemüht und gefunden – das glaube; ich habe mich nicht gemüht und gefunden – das glaube nicht.“ Zu klären ist, worin diese Mühe besteht. Warum, sagten sie, braucht es gerade bei Tora und Mizwot Mühe, und ohne Mühe wird nichts gegeben – was ist daran neu? Auch in der körperlichen Welt, die mit der Arbeit für den Schöpfer nichts zu tun hat, wird ja nichts ohne Arbeit und Mühe gegeben. Die Ordnung der Welt ist, wie wir sehen, dass der Mensch zur Arbeit geht, wie geschrieben steht: „Der Mensch geht hinaus an sein Werk, an seine Arbeit bis zum Abend.“ Was ist also das Neue daran, dass man bei Tora und Mizwot Mühe aufwenden muss und ohne Mühe kein Lohn gegeben wird – bis hin zu ihrem Wort: „Ich habe gefunden und mich nicht gemüht – das glaube nicht“? Auch in der Körperlichkeit erlangt doch niemand etwas ohne Mühe. Daher ist zu klären, was sie mit den Worten meinten: „Ich habe mich nicht gemüht und gefunden – das glaube nicht.“

Bekanntlich haben wir es mit zwei Dingen zu tun:

1. das Schöpfungsziel.

2. die Korrektur der Schöpfung.

Das Schöpfungsziel ist, dass die Geschöpfe Freude empfangen und Wohlgefallen (Nachat Ruach) haben. Die Korrektur der Schöpfung ist, dass der Schöpfer Wohlgefallen hat. Das heißt, es muss eine Angleichung der Form zustande kommen: Der Schöpfer will, dass die Geschöpfe sich erfreuen – wie geschrieben steht, dass die Welt erschaffen wurde, weil es Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Da nun der Schöpfer der Gebende ist und die Geschöpfe die Empfangenden sind, müssen die Geschöpfe ihrerseits dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten. Dann gelten die Geschöpfe als die Gebenden und der Schöpfer als der Empfangende, wie unsere Weisen sagten: „Israel versorgt seinen Vater im Himmel.“ Das nennt man „Korrektur“. Damit es also Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gibt, muss man „an Seinen Eigenschaften haften“.

Wie aber gelangt man dahin, dass der Mensch alles zum Nutzen des Schöpfers tun will und nichts zum eigenen Nutzen – wo er doch mit dem Verlangen zu empfangen, zum eigenen Nutzen, erschaffen wurde? Wie wir gelernt haben, hat der Wunsch des Schöpfers, die Geschöpfe zu erfreuen, in ihnen ein Verlangen zu empfangen erschaffen: ein Verlangen und einen Drang, ihren Mangel zu füllen. Das heißt, der Schöpfer hat in den Geschöpfen einen Mangel erschaffen. Dieser Mangel fordert seine Füllung; andernfalls verursacht er dem Menschen Leiden. Und diese Leiden zwingen den Menschen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um seinen Mangel zu füllen.

Wenn der Mensch aber ein Verlangen und einen Drang hat, seinen Mangel zu füllen – wie kann er dann auf diese Füllung verzichten und sagen, er empfange sie nur deshalb, weil er den Willen des Schöpfers erfüllen will, weil nämlich der Schöpfer will, dass die Geschöpfe alles Gute genießen? Das widerspricht doch der Natur, die der Schöpfer erschaffen hat.

Die Antwort darauf lautet: „Der Schöpfer sprach: ‚Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.‘“ Das heißt: Das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, nennt man „bösen Trieb“, weil es den Menschen daran hindert, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen, zur Angleichung der Form. Durch die Tora aber – durch das in ihr enthaltene Licht, das ihn zum Guten zurückkehren lässt – erhält er die Kraft, das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, zu überwinden und alles zum Nutzen des Schöpfers zu tun.

Daraus ergibt sich: Man muss den Menschen deshalb verpflichten, sich mit Tora und Mizwot zu befassen, damit er Gefäße des Gebens erlangt – und das nennt man „Korrektur der Schöpfung“. Befasst sich der Mensch mit dieser Absicht mit Tora und Mizwot, so befasst er sich liShma (um ihretwillen) mit ihnen. Das heißt, er arbeitet und müht sich, um etwas zu erlangen, das es in der Natur nicht gibt. Darum braucht er die besondere Kraft (Segula) von Tora und Mizwot, die ihn zu diesen Gefäßen führt. Denn aus eigener Kraft kann man diese Gefäße nicht erlangen, sondern nur mit Hilfe des Schöpfers. Diese besondere Kraft liegt in Tora und Mizwot und wird „Licht der Tora“ genannt, wie gesagt: „das Licht in ihr lässt ihn zum Guten zurückkehren“.

Doch unsere Weisen sagten: „Stets befasse sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch lo liShma (nicht um ihretwillen), denn aus dem lo liShma kommt er zum liShma.“ Die Arbeit des Menschen beginnt also mit dem lo liShma, nämlich um Lohn zu empfangen, wie im Sohar geschrieben steht: „entweder um des Lohnes dieser Welt willen oder um des Lohnes der kommenden Welt willen“. Wer um des Lohnes willen arbeitet, muss an Lohn und Strafe glauben. Und glaubt er daran, verläuft seine Arbeit „auf dem Weg der Natur“: Der Körper widersetzt sich der Arbeit in Tora und Mizwot nicht, weil er ja zum eigenen Nutzen arbeitet.

„Auf dem Weg der Natur“ heißt: wie bei körperlichen Dingen, wo man für seine Mühe Lohn empfängt. In der Körperlichkeit sieht der Mensch den Lohn unmittelbar vor sich; deshalb bewegt ihn der Lohn zur Arbeit. Bei Tora und Mizwot dagegen besteht die Arbeit darin, an Lohn und Strafe zu glauben. Doch sobald er daran glaubt, ist der Körper bereits imstande, die heilige Arbeit zu verrichten.

Will der Mensch sich dagegen mit Tora und Mizwot befassen, ohne Lohn zu empfangen, dann widersetzt sich der Körper, weil das gegen die Natur ist. Denn von Natur aus kann der Mensch nur zum eigenen Nutzen arbeiten. Sobald er also zum Nutzen des Schöpfers arbeiten will, widersetzt sich der Körper.

Hier beginnt die Mühe, von der unsere Weisen sagten: „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden – das glaube nicht; ich habe mich nicht gemüht und gefunden – das glaube nicht.“ Denn es ist schwer zu verstehen, wie ein Mensch sich selbst täuschen und sagen kann: „Ich habe mich nicht gemüht und gefunden.“ In der Körperlichkeit sehen wir doch niemanden, der ohne Mühe seinen Unterhalt findet. Erst recht gilt das in der Arbeit, von der unsere Weisen sagten: „Tausend treten in den Lehrsaal ein, und einer kommt heraus, um zu lehren“ – Tora zu erwerben ist also offenbar schwerer, als Körperliches zu erlangen. Wenn man aber schon in der Körperlichkeit nichts ohne Mühe erlangt, wie käme dann jemand auf den Gedanken zu sagen, er habe etwas ohne Mühe erlangt? Ebenso ist zu klären, was sie mit „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden“ meinten: Lügt denn der Mensch, wenn er sagt „Ich habe nicht gefunden“, sodass sie sagen mussten „das glaube nicht“? Wir sprechen doch von einem Menschen, der etwas in der Tora erlangen will – sollte der etwa lügen?

Vielmehr verhält es sich so: Der Mensch will arbeiten, um zur Stufe der Anhaftung zu gelangen, zur Angleichung der Form – so wie der Wille des Schöpfers zu geben ist, will auch der Mensch alles tun, um zu geben. Dieses Verlangen widerspricht jedoch der Natur; der Mensch kann es nicht aus eigener Kraft erlangen. Denn der Schöpfer hat den Menschen mit einem Verlangen zu empfangen erschaffen – wie könnte der Mensch also gegen die Natur angehen, die der Schöpfer für ihn erschaffen hat? Nur der Schöpfer kann die Natur verändern, nicht der Mensch, wie unsere Weisen sagten (Taanit 25): „Wer zum Öl sprach, dass es brenne, der wird zum Essig sprechen, dass er brenne.“

Darum muss man auch hier, in der Arbeit, ebenso sagen: Wer in den Geschöpfen das Verlangen erschaffen hat, für sich selbst zu empfangen, der wird ihnen auch das Verlangen zu geben verleihen. Nur der Schöpfer kann die Natur verändern, nicht der Mensch. Deshalb nennt man dies „ein Wunder vom Himmel“, weil es über die Natur hinausgeht. Und eben das heißt „das Wunder des Auszugs aus Ägypten“: Der Schöpfer führte sie aus der Herrschaft der Ägypter heraus – aus der Herrschaft des Verlangens zu empfangen.

„Ich habe mich gemüht und nicht gefunden“ ist demnach so zu deuten: Obwohl ich viel Mühe aufgewendet habe, um mit dem Verlangen zu geben belohnt zu werden – ich habe alles getan, was in meiner Macht stand –, fand ich dieses Verlangen nicht in mir. Ich blieb vielmehr im Verlangen, für mich selbst zu empfangen, und zwar stärker noch als zu Beginn meiner Arbeit, als ich das Verlangen zu geben erlangen wollte, das der Wille des Schöpfers ist, dessen Wille ja nur das Geben ist. Sobald ich anfing, mich zu mühen, sah ich jedes Mal, dass ich noch tiefer im Verlangen versank, für mich selbst zu empfangen. Da kam ich zu dem Schluss: Es stimmt, ich habe mich gemüht – aber gefunden habe ich nicht. Vielmehr half mir der Schöpfer, und so fand ich das Verlangen zu geben in mir. Das ist es, was der Sohar sagt: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“ Er fragt: „Womit?“ Und er antwortet: „Mit einer heiligen Seele (Nischmata Kadischa): Wenn der Mensch geboren wird, gibt man ihm eine Seele; erweist er sich als würdig, erhält er mehr.“

So zeigt sich, dass der Schöpfer ihm die Seele jedes Mal auf einer höheren Stufe gibt. Das nennt man „das Gesicht des Schöpfers“: das Licht des Schöpfers, das – wenn es eine vollständige Stufe ist – NaRaNChaY genannt wird. Das ist die Hilfe, die der Mensch von oben empfängt. Wenn er also sagt „Ich habe mich nicht gemüht“, meint er: Die Mühe selbst hat mir gar nicht geholfen; ich kann nicht sagen, ich hätte durch sie das Verlangen zu geben in mir gefunden. Hätte der Schöpfer mir nicht das Licht Seines Gesichts gegeben, das man „heilige Seele“ nennt, wäre ich im Verlangen geblieben, für mich selbst zu empfangen – weiter nichts. Wenn er also sagt „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden“, sagt er die Wahrheit: Seine Mühe hat ihm gar nicht geholfen.

Nun ist zu fragen: Wenn er recht hat mit dem Wort „Ich habe mich nicht gemüht“ – warum sagten sie dann „das glaube nicht“? Die Antwort: Man gibt dem Menschen nichts, wofür er keinen Mangel hat. Wer einen Mangel hat und den Schöpfer bittet, ihn zu füllen, der empfängt von oben die Füllung dieses Mangels. Die Mühe des Menschen, der Gefäße des Gebens erlangen will – also den Willen des Schöpfers, den man „Verlangen zu geben“ nennt –, ist daher selbst das Gefäß. Das Licht aber ist das Verlangen zu geben, und dieses Verlangen kann nur der Schöpfer geben: So wie Er dem Menschen bei der Geburt ein Verlangen zu empfangen gab, so kann Er ihm danach ein Verlangen zu geben verleihen. Wendet der Mensch dagegen keine Mühe auf, um das Verlangen zu geben zu erlangen, so zeigt sich, dass er keinen wirklichen Mangel daran hat – der Beweis: Es ist ihm die Anstrengung nicht wert. Dann kann er dieses Verlangen, das seine natürliche Ordnung verändern würde, auch nicht von oben empfangen.

Damit lässt sich deuten, was unsere Weisen sagten (Awot 2,21): „Nicht dir obliegt es, das Werk zu vollenden, und du bist nicht frei, dich ihm zu entziehen.“ Nämlich so: Wenn der Mensch weiß, dass es nicht in seiner Macht liegt, das Verlangen zu geben zu erlangen, sondern dass nur der Schöpfer es ihm geben kann – wozu soll er sich dann vergeblich mühen? Da liegt die Frage nahe: Wozu brauche ich diese Arbeit überhaupt? Aus eigener Kraft kann ich es ja ohnehin nicht erlangen.

Darauf sagten sie: „und du bist nicht frei, dich ihm zu entziehen“ – aus dem genannten Grund: Die Mühe des Menschen ist nötig, aber nicht, damit er durch sie das Verlangen zu geben empfängt. Denn das Verlangen zu geben wird „Licht“ genannt – wie oben: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen“, und die Hilfe, sagt der Sohar, ist das Licht der Seele: Man hilft ihm, indem man ihm eine heilige Seele gibt. Die Mühe braucht man vielmehr für das Gefäß – um den Mangel zu erlangen, das Maß, in dem er der Hilfe des Schöpfers bedarf, damit Er ihm das Licht der Seele gibt.

Wenn aber der Mensch zu arbeiten beginnt, um den Willen des Schöpfers zu erlangen – das Verlangen zu geben, wie es der Schöpfer hat –, und dabei denkt, er müsse dies aus eigener Kraft schaffen, dann sieht er während der Arbeit, dass er jedes Mal tiefer in der Selbstliebe versinkt. Da flieht er aus dem Kampf, weil er sieht, dass er nicht vorankommt, und sagt, diese Arbeit sei nichts für ihn – denn es geht ihm ja jedes Mal schlechter. Hätte er jedoch geglaubt, dass nur der Schöpfer das Verlangen zu geben verleiht, warum sollte er dann aus dem Kampf fliehen und sagen, dies sei etwas für fähigere Menschen? Der Schöpfer hilft doch dabei – welchen Unterschied sollte es für den Schöpfer machen, ob Er diesem Menschen hilft oder den übrigen?

Denn bekanntlich sind vor dem Schöpfer Klein und Groß gleich. Sagt der Mensch, die Arbeit, nur dem Schöpfer zu geben, sei einigen Auserwählten vorbehalten und nichts für den einfachen Menschen, so ist das ein Zeichen, dass er meint, es liege in der Macht des Menschen, dieses Verlangen zu erlangen. Darum muss der Mensch in seiner Überzeugung fest sein und glauben: Von ihm wird nicht verlangt, dieses Verlangen selbst zu erreichen. Verlangt wird von ihm, dass er ein echtes Bedürfnis danach entwickelt. Hat er wirklich ein Verlangen und ein Bedürfnis, dahin zu gelangen, wird der Schöpfer ihm helfen, wie geschrieben steht: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“ Die ganze Mühe, die der Mensch aufwenden muss, dient allein dazu, dieses Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben zu erlangen – nicht mehr.

Doch hier stellt sich die Frage: Der Mensch spürt das Schlechte in dem Maß, wie das Verlangen zu empfangen ihn an der Anhaftung hindert, und er betet zum Schöpfer, dass Er ihm helfe und ihm das Verlangen zu geben gebe. Warum erhält er es dann nicht, obwohl er sich müht und um Hilfe bittet? Der Logik nach müsste der Schöpfer es ihm geben. Doch am Ende erhält er nicht nur keine Hilfe – sein Verlangen zu empfangen wird sogar noch stärker. Jedes Mal sieht er, dass es maßloser geworden ist. Er sieht also eine Wirkung, die dem Erwarteten genau entgegengesetzt ist.

Die Antwort: Man kann dem Menschen nicht auf einmal zeigen, wie viel Schlechtes in ihm ist – das ganze Maß des Schlechten, mit dem er geboren wird, wie der Sohar zu dem Vers „Vor der Tür lauert die Sünde“ erklärt: Sobald der Mensch aus der Tür des Mutterleibes tritt, kommt sofort das Schlechte mit ihm, das man „Sünde“ nennt. Sähe der Mensch all das Schlechte auf einmal, das in ihm ist, würde er sofort sagen, die Arbeit, „alles um des Himmels willen zu tun“, sei nichts für ihn. Er würde gar nicht erst beginnen, sondern sofort verzweifeln.

Darum zeigt man dem Menschen nur ein wenig Schlechtes, und angesichts dieses Wenigen beginnt er, den Schöpfer um Hilfe zu bitten. Dann enthüllt man ihm wieder ein wenig Schlechtes, und er bittet erneut um Hilfe. So kann man ihm nach jeder Bitte ein wenig mehr Schlechtes zeigen: Er fügt Bitte um Bitte hinzu, und ihm wird Enthüllung um Enthüllung des Schlechten zuteil, das in ihm ist – bis er über all das Schlechte in ihm gebetet hat. Dann empfängt der Mensch das Gute, um das er bittet: das Verlangen zu geben, für das er in die Arbeit eingetreten ist – jenes Verlangen, das der Wille des Schöpfers ist, dessen Wille nur das Geben ist.

Es zeigt sich also: Empfinge der Mensch das Verlangen zu geben bereits angesichts eines kleinen Teils des Schlechten, würde er denken, das genüge ihm schon. Und hätte er dann Befriedigung in der Arbeit, bliebe all das Schlechte, das noch in ihm steckt und für das er die Korrektur des Verlangens zu geben nicht empfangen hat, ohne jede Korrektur zurück. Anders, wenn man von oben sieht, dass er jedes Mal wegen des Schlechten um Hilfe bittet, das sich Tag für Tag in ihm enthüllt: Dann besteht die Hilfe, die er jetzt durch seine Gebete empfängt, gerade darin, dass man ihm weiteres Schlechtes enthüllt – damit auf diese Weise all das Schlechte in ihm zutage tritt.

Empfängt er danach die Hilfe von oben, wird all das Schlechte zum Geben hin korrigiert. Da er das Verlangen zu geben nicht schon mitten in der Arbeit empfangen hat, hat er nichts, woraus er Befriedigung schöpfen könnte. Darum betet er immer wieder, dass man ihm das Verlangen zu geben gebe. Und eben durch seine Gebete kann sich das Schlechte in ihm weiter enthüllen, denn er steht da und ruft nach der Hilfe, die er braucht.

Das gleicht folgendem Gleichnis: Einmal kam ein erfahrener Arzt ins Land, der alle Krankheiten heilen konnte, die ein Mensch haben mag. Man konnte ihn jedoch nur ein einziges Mal aufsuchen. Jeden Kranken, der zu ihm kam, heilte er von allen Krankheiten, die dieser ihm nannte. Es gab Kranke, die wegen Magenbeschwerden zu ihm kamen, und der Arzt heilte sie. Erfuhr ein solcher Kranker danach, dass er zum Beispiel auch eine Herzkrankheit hatte, und wollte noch einmal zu dem Arzt gehen, so blieb er sein Leben lang mit seiner Herzkrankheit – denn er war schon einmal bei ihm gewesen, und der Arzt empfing niemanden ein zweites Mal. Ein anderer Kranker kam und sagte, er habe eine Herzkrankheit und eine Gelenkentzündung und leide auch am Lebensnerv, denn andere Ärzte hätten ihm gesagt, dass auch dies eine Krankheit bei ihm sei. Er trat vor diesen erfahrenen Arzt, und der heilte ihn von allem auf einmal. Die übrigen Kranken aber, die ihre Krankheiten nicht kannten, blieben mit ihren Krankheiten zurück.

Da kamen alle Kranken, die ihre Krankheiten nicht kannten, zu dem Arzt und baten ihn um Rat: Wie könnten sie vor der Behandlung alle ihre Krankheiten erkennen? Der Arzt erklärte, jeder Patient erhalte bereits bei der Terminvereinbarung eine Pille. Diese Pille werde alle vorhandenen Krankheiten sichtbar machen. Wenn die Patienten anschließend zu ihm kämen, würde er ihnen ein Heilmittel geben, das alle Krankheiten auf einmal heilt.

Die Kranken verstanden nicht, was der Arzt ihnen sagte. Nachdem sie bei der Terminvereinbarung die Pille erhalten hatten, entdeckte jeder immer weitere Krankheiten an sich. Sie glaubten deshalb, ihr Zustand habe sich durch den Arzt verschlechtert. Zuvor litt einer an einer einzigen Krankheit – jetzt sah er, dass es ihm von Mal zu Mal schlechter ging: Erst hatte er nur Kopfschmerzen, nun kamen Herzschmerzen, Bauchschmerzen und dergleichen hinzu. Alle beschwerten sich bei den Vermittlern, die ihnen geraten hatten, zu diesem Arzt zu gehen. Dabei hatte der Arzt sie noch gar nicht behandelt; nur seine Sekretärin hatte ihnen bei der Terminvereinbarung die Pille gegeben – und dennoch wurde ihr Zustand von Tag zu Tag schlechter.

Die Anwendung des Gleichnisses: Wenn der Mensch sich einträgt, die heilige Arbeit zu verrichten – also den Willen des Schöpfers zu erlangen, das Verlangen zu geben –, sagt man ihm, dass der Arzt alle Krankheiten auf einmal heilt; unsere Krankheit aber heißt „Verlangen, für sich selbst zu empfangen“. Dieses Verlangen muss sich dem Menschen erst in seinem ganzen schlechten Ausmaß enthüllen. Würde er den Schöpfer schon vorher um Hilfe bitten und die Kraft erhalten, es zu überwinden und Handlungen des Gebens zu tun, wäre er mit seiner Arbeit am Verlangen zu geben vorzeitig zufrieden.

Dann aber bliebe das Schlechte in ihm bestehen, nur eben unenthüllt – ähnlich wie in der Körperlichkeit, wenn jemand krank ist, ohne zu wissen, was ihm fehlt, und man erst Untersuchungen anstellen muss, um die Krankheit zu erkennen. So ist es auch bei dem Menschen, der arbeiten und sich mühen will, um den Willen des Schöpfers erfüllen zu können: Er kennt seine Krankheit nicht. Nur durch Tora und Arbeit kann er erkennen, was seine Krankheit ist.

Das verläuft nach dem Wort unserer Weisen: „Spürt er Schmerz im Kopf, so befasse er sich mit der Tora.“ Mein Herr, Vater und Lehrer erklärt dies so: Er hat fremde Gedanken. „Spürt er Schmerz in den Eingeweiden“ – das Verlangen zu empfangen, das in seinen Eingeweiden sitzt, herrscht über ihn; und so weiter. Zuerst muss sich also all das Schlechte im Menschen enthüllen. Er empfängt das Verlangen zu geben nicht schon nach einiger Zeit der Mühe, sondern erst, wenn sich all das Schlechte in ihm enthüllt hat. Empfängt er dann das Verlangen zu geben, ruht es auf all dem Schlechten, das in ihm ist.

So zeigt sich: Sieht der Mensch, dass es ihm von Mal zu Mal schlechter geht, ist das ein Zeichen, dass er auf dem Weg der Wahrheit geht – der Beweis dafür, dass sein Weg wirkt. Das gleicht einem Kranken, dem der Arzt ein Heilmittel gibt. Der Kranke kommt wieder und sagt: „Durch dein Heilmittel hat sich meine Krankheit verschlimmert.“ Der Arzt antwortet: „Im Gegenteil – jetzt sehe ich, dass das Heilmittel zu wirken begonnen hat. Zunächst wirkt es auf diese, später auf eine andere Weise, bis du wieder gesund bist.“

Damit verstehen wir, was wir fragten: Was bedeutet „den Willen des Schöpfers erfüllen“? Gemeint ist das Verlangen zu geben. So wie es Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – Er will, dass die Geschöpfe sich erfreuen –, so will der Mensch dieses Verlangen erlangen, weil er die Anhaftung an den Schöpfer will, die Angleichung der Form. Da der Mensch aber mit dem entgegengesetzten Verlangen erschaffen wurde – nur zu empfangen und nicht zu geben –, kostet es ihn große Mühe, es zu erlangen. Anders in der Körperlichkeit: Dort arbeitet der Mensch und empfängt Lohn. Das nennt man nicht „Mühe“, weil es nicht gegen die Natur ist – all seine Handlungen dienen ja dem eigenen Nutzen.

Anders in der Arbeit, den Willen des Schöpfers zu erlangen, das Verlangen zu geben: Hier tut der Mensch nur, was dem Schöpfer nützt und nicht ihm selbst. Das ist Mühe, weil es gegen die Natur ist. Und dieses Verlangen kann der Mensch nicht aus eigener Kraft erlangen – der Schöpfer muss es ihm geben. Das nennt man: „der Schöpfer wendet diesem Menschen das Gesicht zu“, denn erlangen kann man dies nur auf wunderbare Weise, über der Natur.

So zeigt sich, dass es keinen anderen Weg gibt, dieses Verlangen zu erlangen, als durch die Zuwendung des Gesichts. Und das ist es, was geschrieben steht: „Der Ewige wende dir Sein Gesicht zu.“ Der Midrasch erklärt: Dies geschieht, wenn man den Willen des Schöpfers erfüllt, das heißt, wenn der Mensch daran arbeitet, dieses Verlangen zu erlangen. Dann muss der Schöpfer ihm Sein Gesicht zuwenden, das heißt, ihm eine heilige Seele geben. Denn es gibt keinen anderen Weg, des Willens des Schöpfers gewürdigt zu werden, als durch das Gesicht des Schöpfers. Und das ist es, was geschrieben steht: „Der Ewige wende Sein Gesicht zu.“

Anders jene Menschen, die sich mit Tora und Mizwot nicht befassen, um des Willens des Schöpfers gewürdigt zu werden, sondern um des Lohnes willen: Sie brauchen das Gesicht des Schöpfers – die „Seele“ – nicht, denn sie gehen nicht gegen die Natur. In dem Maß, wie sie an Lohn und Strafe glauben, können sie sich bereits mit Tora und Mizwot befassen, denn der Lohn weckt sie zur Arbeit. „Wenn sie den Willen des Schöpfers nicht erfüllen“, heißt also: Diese Menschen befassen sich mit Tora und Mizwot, wollen aber als Lohn für ihre Arbeit nicht, dass der Schöpfer ihnen das Verlangen zu geben verleiht; sie wollen einen Lohn, der ihrem Verlangen zu empfangen dient. Über sie steht geschrieben: „der das Gesicht nicht zuwendet“ – denn sie brauchen die Seele nicht, die Er ihnen geben könnte. Das Gesicht des Schöpfers ist ja das Licht des Schöpfers, das man „heilige Seele“ nennt; der Mensch empfängt es, damit es ihn zum Guten zurückkehren lässt, und es heißt „Hilfe von oben“, wie gesagt.

Demnach verstehen wir ihr Wort: Wenn man den Willen des Schöpfers nicht erfüllt, wendet der Schöpfer das Gesicht nicht zu – weil diese Menschen die Seele nicht brauchen, die sie zum Guten zurückkehren ließe. Sie halten sich nämlich bereits für gut: Sie erfüllen Tora und Mizwot in allen Einzelheiten und Feinheiten. Und weshalb befassen sie sich mit Tora und Mizwot? Um des Lohnes willen. In dem Maß, wie sie an Lohn und Strafe glauben, sind sie fähig, die heilige Arbeit zu verrichten – eben weil sie ihrem Verlangen zu empfangen nicht widerspricht.

Gerade dann also, wenn man den Willen des Schöpfers erfüllt – wenn man sich aus dem Grund mit Tora und Mizwot befasst, von dem es heißt: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen“, wenn man also Tora lernt, um aus der Herrschaft des Verlangens zu empfangen, des „bösen Triebs“, herauszutreten –, braucht man das Licht der Tora, durch das man des Willens des Schöpfers gewürdigt wird, des Verlangens zu geben. Damit verstehen wir, was wir fragten: Was ist „das Gesicht des Schöpfers“? Die Antwort: Es ist das Licht, das der Schöpfer dem Menschen als heilige Seele gibt, damit es ihn zum Guten zurückkehren lässt.

Mit dem Gesagten versteht sich auch, was wir fragten: Was bedeutet „er nimmt keine Bestechung an“ – ist es doch selbst gleichsam eine Bestechung, wenn man den Willen des Schöpfers erfüllt? Die Antwort: Der Mensch bittet den Schöpfer nicht zu seinem eigenen Nutzen darum, ihm das Gesicht zuzuwenden und ihm eine heilige Seele zu geben. Im Gegenteil: Er bittet darum, um seinen Eigennutz zu überwinden und nur zum Nutzen des Schöpfers arbeiten zu können. Er will also nicht, dass der Schöpfer ihm etwas zum eigenen Nutzen gibt – sonst könnte man sagen, der Mensch besteche den Schöpfer, wie man jemandem ein Geschenk macht, damit er dem Schenkenden einen persönlichen Vorteil gewährt. Hier ist es anders: „Der Mensch erfüllt den Willen des Schöpfers“ bedeutet, dass der Mensch imstande sein will, den Willen des Schöpfers zu erfüllen, und darum bittet, dass Er ihm das Gesicht zuwende – dass es ihm also möglich sei, all seine Handlungen um des Himmels willen zu tun.

Damit verstehen wir: Der böse Trieb ist das Verlangen zu empfangen. Das Gewürz ist die Kraft, aus seiner Herrschaft herauszutreten. Tora wird „Licht der Tora“ genannt; dieses Licht ist ihr Inneres, ihre Seele.

(EY, 24.07.2026)